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St. Georgius

Heiden

 

19. Jahrhundert

Ein Beobachter von Land und Leuten um die Wende des 18. zum 19. Jahrhunderts, der Ahauser Sanitätsrat Dr. med. Friedrich Carl Nicolay, schreibt in seinem „Versuch einer medizinischen Beschreibung vom Gerichtsbezirk Ahaus" um 1807/08 auch einiges über die so genannten "Volksvergnügen". Dabei bemerkt er u.a.: "Das gefährliche Vogelschiessen wird seltener."

Dieser Rückgang der Schützenfeste bzw. des Vogelschießens wird bestätigt durch die ersten schriftlichen Quellen zum Heidener Schützenwesen in neuerer Zeit. Der Heidener (und Rekener) Bürgermeister Ferdinand Steinmann antwortet dem Königlichen Landrat Basse zu Haus Pröbsting auf eine Verfügung, die Schützenfeste betreffend, am 19.12.1829 folgendes:

Auf die seitwertz bemerkte Verfügung beehre ich mich gehorsamst anzuzeigen: In den Gemeinden meines Dienstbezirks bestehen keine regelmäßig eingerichtete und zu einer bestimmten Zeit wiederkehrende Schiessfeste. Früher und namentlich zu der Zeit, ehe die geistliche Ortsbehörde das sogenannte Aufziehen bei den Prozessionen seitens der Jungen Leute untersagt, wurde von diesen am Pfingstmontage oder Sonntags vor Abhalten der Prozession ein Scheiben- oder ein Vogelschießen und zwar in jeder Bauernschaft veranstaltet, welche unter anderen den Zweck hatten, das der Scheibenkönig dem Aufzug bei der Prozession beiwohnte - Das Schützenfest hob nach dem Nachmittäglichen Gottesdienst an, und endigte am selben Abend mit Tanz-Musik im Hause des Schützenkönigs in den Bauerschaften, und in den Dörfern in einem Wirthshause - Solange nun der gedachte Aufzug seit 2 Jahren nemlich nicht mehr stattfindet, haben auch diese Schieß-Feste aufgehört, und hatte nur in diesen beiden Jahren ein Scheibenschießen in einer Bauerschaft im Kirchspiele Groß Reken statt.

Vor dem Eintritt der Frümbdherrschaft [d. h. vor 1810] wurden aber auch Vogel- und Scheibenschießen von den Verheiratheten und zwar gewöhnlich alle 5 oder 10 Jahre vor Johanni gehalten, welche Schützenfeste mehrere Tage währten, und wozu die seit 1812 zur Gemeindekasse gezogenen, früher von einem Mitgliede der Eingesessenen einer Bauerschaft eingenommenen Grund- und Markzinsen verwendet wurden. Mit der Einziehung dieser Fonds zur Gemeindekasse haben auch diese Schützenfeste der Verheiratheten (die übrigens jede Bauerschaft für sich hatte, so daß in Heiden 3 und in Recken 3 oder 4 Schützengesellschaften bestanden) gänzlich aufgehört.

Nicht leicht werden diese Feste beim gänzlichen Mangel an Fonds wieder erneuert werden, und so halte ich die Festsetzung bestimmter Statuten für diese an und für sich unbedeutende Scheiben- und Vogelschießen für um so weniger nothwendig, als diese anstehende. in der Eingangs gedachter Verfügung bezogene polizeiliche Verfügung zur Handhabung der Ordnung ausreichen.

An Der Bürgermeister
den Königlichen Landrat Herrn Steinmann
Basse Wohlgeboren
zu Pröbsting

Aus dem folgenden Jahr liegt aber bereits wieder eine Nachricht über ein Schützenfest vor. Es beantragen nämlich Johan Bernard Becker gt. Tres und Joseph Naßmacher am 22.6.1830 für die Junggesellen des Dorfes Heiden die Genehmigung zur Abhaltung eines Scheibenschießens am Sonntag, dem 27.6. nachmittags nach beendetem Gottesdienst auf dem beim Dorfe Heiden hergebrachten Schießplatz im sogenannten "Fillberge". Der Flurname "Fillberg" bezieht sich auf ein Gelände zwischen der heutigen Sachsenstraße und der Josefstraße (durchschnitten von der Johannesstraße). Es handelt sich um eine Sanddüne, bei der früher Sand abgebaut wurde, wodurch viele Gruben entstanden, die dann wohl z. T. als Fillgruben, d. h. als Abdeckergruben (Tierkadaverbeseitigung) dienten.

Im Jahre 1830 wurde aber gleichfalls ein großes Schützenfest mit Vogelschießen für die ganze Gemeinde Heiden, d. h. unter Einschluss von Leblich und Nordick, abgehalten, wie aus dem nachstehend wiedergegebenen Gemeinderatsbeschluss hervorgeht:

Heiden den I0ten Juli 1830

Der Gemeinderath der Bürgermeisterei Heiden trug in heutigem Termin namens den sämtlichen Eingesessenen der Gemeinde an, daß es denselben gestattet werde, am 1ten oder 3ten August dieses Jahres ein gemeinschaftliches Vogelschießen auf dem beim Dorfe Heiden belegenen üblichen Schießplatze, welcher überall gemessen und vorschriftsmäßig von Häusern und Wegen enfernt, zu veranstalten, und dazu die erforderliche landräthliche Erlaubniß ertheilt werde.
Vorgelesen, genehmigt, unterschrieben

C. Glandorf A. KortbusA. U. V.
B. Dienberg Weseling
H. Kremer Ebbing Der Bürgermeister
L. Delbemd Brüninghoff Steinmann
Kleine Banholt B. Knacke

In der Folgezeit wird noch einmal im Jahre 1835 ein Junggesellen-Scheibenschießen im Fillberg aktenkundig, dann aber hören wir erst wieder im Jahre 1844 von den Schützen. In jenem Jahr lehnt nämlich der Heidener Amtmann Büning den Antrag auf ein mehrtägiges Schützenfest, das für den 7. und 8. Juli geplant ist, mit der Begründung ab, mehrtägige Schützenfeste seien hier bisher nicht üblich gewesen, sie seien auch "nachteilig für das Vermögen und die Sittlichkeit der Eingesessenen", zudem habe er den Antrag der Nordicker Junggesellen auf Genehmigung eines mehrtägigen Schützenfestes ebenfalls abgelehnt, der Gleichheitsgrundsatz sei also zu wahren. Außerdem sei die Heidener Schützengesellschaft "in zwei Kompanien zerfallen", die einzelnen Kompanien und die Bauerschaften könnten dann jede für sich ähnliche Anträge stellen. Das Vogelschießen habe früher regelmäßig alle sieben Jahre an einem einzigen Tage stattgefunden, und zwar letztmalig im Jahre 1830, es gebe also keinen Grund, dieses Mal mehrere Tage zu feiern. Der Landrat pflichtet Büning bei.

Über weitere Schützenfeste des 19. Jahrhunderts geben uns die ältesten Plaketten der Königskette Auskunft: 1850 heißt der König Anton Schulten, 1858 Albert Brinkhaus - man feierte also wohl noch ungefähr im Sieben-Jahre-Rhythmus. Aus den Akten des Landratsamtes geht erst wieder für die Jahre 1885 und 1899 die Feier eines Schützenfestes hervor, doch ist mündlicher Überlieferung nach 1879 ein allgemeines Schützenfest gefeiert worden. In den übrigen Jahren feierten nur die Junggesellen.

Ganz offensichtlich ist die Überlieferung durch die Plaketten der Heidener Königskette in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts noch recht lückenhaft, die Könige waren anscheinend noch nicht verpflichtet, eine Plakette zu stiften. Seit dem Jahre 1902 zeigen die Plaketten dann die Namen sämtlicher Könige bzw. Königspaare und bilden so im wahrsten Sinne des Wortes eine sichtbare "Traditionskette" der Heidener Bürgerschützen. Die Leblicher Schützenkette überliefert seit dem Jahre 1878 die Namen der Königspaare, die Nordicker seit 1907.

Das relativ späte Einsetzen dieser greifbaren Überlieferung durch Königsplaketten bei den Heidener Schützengesellschaften ist übrigens nicht darauf zurückzuführen, dass man diesen Brauch erst Mitte oder Ende des 19. Jahrhunderts übernommen hätte. Im Westmünsterland sind Schützenkönigsketten mit den Initialen oder Namen von Königen seit dem 16. Jahrhundert erhalten, so die Vredener Kette mit der ältesten Königsplakette von 1595. Wir können vermuten, dass auch bei den Heidener Schützengesellschaften ältere Ketten vorhanden gewesen sind; die bereits zitierte Aufzeichnung des Nordicker Lehrers Osthoff erwähnt ja ausdrücklich das Vorhandensein einer solchen. Vielmehr müssen wir annehmen, dass die älteren Königsschildchen, die ja aus massivem Silber waren, gelegentlich verkauft wurden, um Schulden der Gilde zu decken, eine Schützenfahne oder dergleichen anzuschaffen oder die eine oder andere Stiftung für die Kirche zu machen: das Königssilber wurde als eine Art Sparkasse betrachtet, das Geschichtsbewusstsein unserer Vorfahren war in dieser Hinsicht nicht sonderlich entwickelt.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts bestand das gesamte Offizierkorps der Heidener Schützen, zumindest der Junggesellen, aus einem Hauptmann, der das "Gelaoge" (die Kostenumlage) einzog und die gesamte Organisation von Vogelschiessen und Schützenfest in den Händen hatte. Für die letzten Jahrzehnte des Jahrhunderts ist Josef Ebbing als Hauptmann überliefert. Eine andere wichtige Figur, die bei keinem Schützenfest fehlen durfte, war der Trommler Janbernd Kipp aus Marbeck: er kündigte auch seit 1885 jeweils am Sonntag vor dem Festtermin das nahende Schützenfest an.

Zu erwähnen ist im Zusammenhang mit den Schützengesellschaften des ausgehenden 19. Jahrhunderts noch eine Organisation, die ihr im äußeren Erscheinungsbild glich: Der Kriegerverein. Er wurde in der Zeit nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870-71 gegründet und bestand bis in die dreißiger Jahre, doch sind genauere Daten leider nicht überliefert. Die Kriegerfeste werden besonders in den 1880er und 1890er Jahren eine Art Ersatzfunktion für die ausgefallenen allgemeinen Schützenfeste gehabt haben.



Schützenkönig mit Königskette und bekränztem Hut und Frau
in Münsterländer Tracht, Zeichnung aus Billerbeck, 1814

Quelle: Tradition und Gemeinschaft, 375 Jahre Schützenwesen in Heiden
Allgemeiner Bürgerschützenverein "St. Georgius" e.V. Heiden/Westfalen 1988

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