Die heutigen Heidener Schützengesellschaften gehen nachweislich auf Schützengilden des 17. Jahrhunderts zurück. Es liegen nur spärliche Dokumente für die Zeit vom 17. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts vor. Sie reichen aber aus, bei gleichzeitiger Beachtung der Geschichte des Schützenwesens in der westmünsterländischen Nachbarschaft, den Lauf der Heidener Entwicklung im wesentlichen zu rekonstruieren und bisherige Darstellungen zu korrigieren.
Die Anfänge der organisierten Schützengesellschaften sind im hochmittelalterlichen Flandern, d.h. im heutigen Nordfrankreich und in Belgien zu suchen, wo sie erstmals gegen Ende des 13. Jahrhunderts erwähnt werden. Die Städte dieses Raumes nahmen damals in der wirtschaftlichen und kulturellen Entwickelung Westeuropas eine führende Stellung ein. So ist es nicht verwunderlich, dass sich viele der dortigen Errungenschaften im Laufe der folgenden Jahrhunderte in den umliegenden Ländern verbreiteten, wobei Köln und die niederrheinischen und niederländischen Städte für unseren Raum eine wichtige Vermittlerposition einnahmen (s. Karte).

Ausbreitung der Schützengesellschaften im Mittelalter.
Schützengilden waren zunächst eine rein städtische Angelegenheit, sie erscheinen um die Wende vom 14. zum 15. Jahrhundert erstmals in den Städten des Rheinlandes und bereiten sich sehr schnell noch im 15. Jahrhundert im ganzen Gebiet der Hanse einerseits und im deutschen Süden und Südosten andererseits aus. Die Ausbreitung des Schützenwesens genommen hat.
Auf dem Lande hielt das Schützenwesen später seinen Einzug, wobei wohl an eine Integration des Schützenbrauchtums in die bereits bestehenden Nachbarschaftsgilden zu denken ist. Diese Gilden hatten neben den auch heute noch vorhandenen Aufgaben der Nachbarschaften (Hilfe bei Geburt, Hochzeit, Tod und allen Notfällen, Pflege der Geselligkeit) auch kirchlich-religiöse Pflichten, so das Gebet der Mitglieder füreinander, die Teilnahme an Pozessionen und die feierlichte Beerdigung verstorbener Mitglieder, überhaupt die Verpflichtung zu christlicher Lebensführung. Mancherorts blieb das Vogel- und Scheibenschießen und das damit verbundene Schützenfest bis ins 19. Jahrhundert nur eine sporadische Aktivität der Nachbarschafts- oder Bauernschaftsgilden. Damit hängt auch zusammen, dass viele ländliche Schützengesellschaften, so auch die Heidener, bis ins 20. Jahrhundert hinein keinerlei Statuten oder korporations-rechtliche Form hatten, jedenfalls nicht in (überlieferter) schriftlicher Fixierung.

Vogel- und Scheibenschießen mit Armbrust und Büchse, Basel 1567.
Als Hauptaufgabe der Schützengilden in Friedenszeiten ist selbstverständlich das regelmäßige Üben im Schießwaffengebrauch - zunächst der Armbrust, dann der Büchse- zu nennen: im Notfall mussten die Gilden zur Stadt- und Landesverteidigung gerüstet sein. Zu diesem Zweck wurden sie von den Städten oder Kirchspielgemeinden unterstützt, indem zu den meist in einjährigem, oft allerdings auch in mehrjährigem Abstand abgehaltenen Schützenfesten Geldprämien oder Kleidungsstücke für dem König und Bier für die Schützen gespendet wurde. Im Kriegsfalle bildeten die Schützengilden nicht etwa die einzige Verteidigungstruppe der Städte, diese Aufgabe fiel nämlich der gesamten Bürgerschaft zu. Die Schützen waren im Rahmen der nach Stadtteilen oder Zünften organisierten Bürgerwehr lediglich der Teil der Mannschaft, der für den Fernkampf mit der Schusswaffe eingesetzt wurde. Der wichtigere Nahkampf mit Schwert und Hellebarde ging jeden verteidigungsfähigen Bürger an.
Quelle: Tradition und Gemeinschaft, 375 Jahre Schützenwesen in Heiden
Allgemeiner Bürgerschützenverein "St. Georgius" e.V. Heiden/Westfalen 1988