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St. Georgius

Heiden

 

Jahrmärkte und Kirmes

Schützenfest und Kirmes sind im Bewusstsein der Heidener fest miteinander verbunden. Zwar fühlen sich Kinder und Jugendliche stärker zur Kirmes, die Erwachsenen stärker zum Schützenfest hingezogen, doch möchte wohl kaum eine der Generationen den weniger favorisierten Festteil entbehren. Die heute so selbstverständlich erscheinende Verbindung von Schützenfest und Kirmes war jedoch nicht immer vorhanden, wenn auch die Einrichtung des ersten Jahrmarktes in Heiden, aus dem später die Kirmes wurde, im Jahre 1613 erfolgte, aus dem bekanntlich der Königsschild der Heidener Bürgerschützen stammt.


Kirmesbuden am Maibökenplatz (30er Jahre) (1)


Kirmesbuden am Maibökenplatz (30er Jahre) (2)

Über die Einrichtung des ersten Heidener Jahrmarktes am jeweils zweiten Augustmontag sind wir ausnehmend gut unterrichtet, da der diesbezügliche Briefwechsel zwischen dem Heidener Pfarrer Hermann Ebbeler (Pfarrer von 1598 bis 1625?) mit den fürstbischöflichen Räten in Münster vollständig überliefert ist.(1) Ebbeler richtete am 12. September 1613 sein erstes Bittschreiben "An Churfürstl. Münst. heimbgelassenen Cantzler vnnd rhäte", die münstersche Regierung also. Er ruft zunächst die beiden Feuersbrünste von 1602 und 1605 in Erinnerung, die das Dorf Heiden in bitterste Armut gestürzt haben, und schlägt vor, dass man "alle zulessige vnd mogliche mittel bedencken sollte", diesem Elend ein Ende zu machen. Dazu eigne sich vorzüglich ein freier Vieh- und Jahrmarkt, denn Heiden sei an der Landstraße von Deventer nach Dorsten gelegen, "welche die Kaufleuthe auß Frießlandt mit Pferden vnd anderen Viehe gemeinlich geprauchen" .Er unterlässt es auch nicht zu betonen, dass die Heidener bei einer eventuellen Verbesserung ihrer Einkünfte die "Landtstewrschatzung vnd andere nothwendige aufflagen desto leichter außrichten mogen vnd konnen", ein den fürstlichen Beamten angesichts chronisch leerer Staatskassen sicher sehr genehmes Argument. Als Jahrmarktstermin schlägt er den "Montag vor Assumptionis B. Mariae virginis" (Mariä Himmelfahrt, 15.8.) vor.

Am 16. Dezember 1613 bringt er seine Bitte in Münster nochmals " vnterthenigh vnnd dienstfleißigh" in Erinnerung. Von den münsterschen Räten ist das Ersuchen des Pfarrers Ebbeler inzwischen an den Drosten des Amtes Ahaus, zu dem das Kirchspiel Heiden gehörte, weitergeleitet worden, und dieser fordert vom Gografen auf'm Braem, dem Borkener Landrichter, eine Stellungnahme an. Insbesondere wird gefragt, ob benachbarte Gemeinden durch die Einrichtung eines Jahrmarktes Schaden erleiden könnten. Der Gograf antwortet am 9. April 1614 u.a. : "Auch gebietende herren, hab Ich mit fleiß bei vnderschietlichen mich befragt vnd erkundigt, ob das begertes Jahrmarcket deren von heiden, anderen nachbauern auch hinder- und schedlich sein würde, die mich dan berichten, daß eß der endts niemandt hindern oder schaden mogte, wurden auch vmb die Zeit dieser endts nirgent keine marckede gehalten". Trotz dieser positiven Auskunft des Gografen, die bereits am 18. April 1614 in Münster vorliegt, ergeht kein Bescheid an die Antragsteller, so dass Pfarrer Ebbeler nach langem Warten schließlich am 11. September 1615 ein drittes Bittschreiben nach Münster schickt. Das hat endlich den gewünschten Erfolg: Am 12. Oktober 1615 bewilligen die fürstlichen Räte den "gebetene Vieh- od. Jahrmarckt", jährlich am Montag vor Mariä Himmelfahrt abzuhalten. Er dürfte erstmalig im Jahre 1616 stattgefunden haben.

Bei diesem Markttage handelte es sich also um einen ganz normalen Vieh- und Krammarkt - das Schützenfest wurde bis Mitte des 19. Jahrhundertes an ganz anderen Terminen gefeiert. Der "Münsterische Almanach auff das Jahr nach der Geburt Jesu Christ 1636"(2) führt den 10. August 1636 als Heidener Jahrmarktstermin an, und dieser Augusttermin bleibt der einzige bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. Irgendwann zwischen den Jahren 1765 und 1781 kommt ein zweiter Termin hinzu, denn der Almanach für 1781 nennt den 20.6. (Mittwoch nach Fronleichnam) und den 10.8., und das gilt auch noch für den Almanach des Jahres 1814.

Genaueres über die Heidener Jahrmärkte erfahren wir dann im Jahre 1821, als Bürgermeister Steinmann in seiner Chronik von Heiden festhält:

In der Gemeinde Heiden wurden hergebrachtermaßen jährlich drey Märkte gehalten -nemlich
a der erste am 1 ten Mittwoch nach Fronleichnam
b "zweite am ersten Freitag oder acht Tage nach Fronleichnam
c "dritte am ersten Mittwoch nach Laurentius [ = Montag vor Mariä Himmelfahrt oder zweiter Montag im August]
Dem Wunsch der Eingesessenen von Heiden zufolge wurde auf die Verlegung des sub a gedachten Monaths [lies: Marktes] aufm 1. Merz jeden Jahres angetragen, und diese Verlegung erhielte in diesem Jahre die Höhere Genehmigung.(3)

Der von Steinmann unter b) aufgeführte Markttag, zwei Tage nach dem ersten Termin am Mittwoch nach Fronleichnam, scheint wohl ein inoffizieller Termin gewesen zu sein, denn in den Almanachen von 1781 und 1814 wird nur der Mittwochtermin aufgeführt. Seit dem Jahre 1821 gab es also drei offizielle Jahrmärkte in Heiden: am 1. März (oder am 2.3., wenn der 1. auf einen Sonntag fiel), am Freitag in der Woche nach Fronleichnam und am zweiten Augustmontag. Das blieb so bis zum Zweiten Weltkrieg.(4)


Rotterdams "Moppenbude" (1)


Rotterdams "Moppenbude" (2)


Der Kirmesplatz auf Ebbings Hof, 1959

Die ursprünglich als Vieh- und Krammärkte entstandenen Markttage entwickelten sich im Laufe der Zeit zu Volksfesten. Der Ahauser Sanitätsrat Dr. med. Friedrich Carl Nicolay schreibt 1807/08 über die hiesigen Volksvergnügen: "Die Märkte und Kirchweih sind Tanztage. Der Tanz ist leidenschaftlich, meist schnelle Walzer und ermüdender Hopsa. Schnaps dämpft."(5)

Ob der Heidener Kirmes am zweiten Augustwochenende jemals ein Kirchweihtag zugrunde lag, lässt sich nicht feststellen. Der Antrag des Pfarrers Ebbeler erwähnt keinen solchen Anlass, und auch die Festtage der Pfarrpatrone Kilian (8.7.) und später Georg (23.4.) liegen weitab von den drei Jahrmarktterminen. Trotzdem entwickelte sich der Augusttermin, an dem günstigenfalls die Ernte unter Dach und Fach war, zur Kirmes und verlor wohl gleichzeitig den Charakter eines Vieh- und Krammarktes.

In den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts war die Existenz der Kirmes offensichtlich gefährdet, denn am 11. November 1836 erkundigte sich Landrat Basse bei allen Bürgermeistern des Kreises Borken, ob wegen möglicher Störung des Gottesdienstes durch die Kirmes eine Aufhebung oder Verlegung auf einen Wochentag empfohlen werde. Das vom Heidener Bürgermeister Büning am 25.11.1836 weitergeleitete Schreiben beantwortete Pfarrer Kemner am 1.12. in dem Sinne, dass keine Veranlassung zur Aufhebung oder Verlegung bestehe, so lange eine gewisse Aufsicht über die öffentlichen Lustbarkeiten garantiert sei.(6) Diese Aufsicht oblag dann wohl einem aus Borken angeforderten berittenen Landgendarmen, wie die Akten berichten.(7)

Ferner erfahren wir einmal im Jahre 1878, dass der Schankwirt Wilhelm Schulten beantragt, am 11. und 12.8. anlässlich der Kirmes im Hause seines Vaters Anton Schulten (Schützenkönig von 1850) eine Tanzveranstaltung abhalten zu dürfen, da seine eigenen Räumlichkeiten zu beengt seien.(8) Eine gewisse Aufwertung wird die Kirmes erfahren haben, seit man am gleichen Termin auch das Schützenfest feierte. Das ist erstmalig für den 9. und 10. August 1885 belegt, (9) es kann aber auch schon einige Jahre früher eingetreten sein. Die für uns heute selbstverständliche Verbindung von Schützenfest und Kirmes ist also erst gut 100 Jahre alt.

Was nun die beiden früheren Jahrmarkttermine am 1. März und am Freitag der Woche nach Fronleichnam angeht, so muss man feststellen, dass sie - im 20. Jahrhundert wenigstens -recht bedeutungslos geworden waren, so dass sie in den dreißiger Jahren wohl nur noch auf dem Papier bestanden, denn die älteren Heidener erinnern sich nicht, je einen Vieh- oder Krammarkt erlebt zu haben. Der Nordicker Lehrer Osthoff schreibt denn auch bereits in seiner Chronik von 1917: "Im Dorf Heiden werden auch zwei Märkte abgehalten (im Jahre!), sie sind jedoch so wenig besucht, dass sie kaum wert sind, erwähnt zu werden."(10)

Wie sehr das Interesse der Erwachsenen dem Schützenfest, das der Kinder dagegen der Kirmes gilt, ersehen wir auch daraus, dass es kaum Fotos vom Hei- den er Kirmesgelände gibt, so dass wir den Wandel im Erscheinungsbild der Kirmes leider kaum mit Bildmaterial dokumentieren können. Umso willkommener sind daher die nachstehenden Jugenderinnerungen von Herbert Filippek über die "Häidske Kärmis", der man als Kind den ganzen Sommer über entgegenfieberte.

Daor laot'k di Kärmis eenmaol väör draihn!
Vorkriegskirmes-Erinnerungen von Herbert Filippek

"Dree Wääke väör Kärmis" - wenn ich mich heute zurück erinnere an die Jahre vor dem Kriege, 1936 -1939, sehe ich mich als Zehnjährigen noch voller freudiger Erwartung der erlebnisreichsten Tage des Jahres. Fernsehen kannte ich nicht mal dem Namen nach, Urlaubsreisen ins Ausland oder auch nur in die nähere Umgebung gab es nicht - wer war denn überhaupt schon mal über die Grenzen Heidens, ausgenommen vielleicht in die Nachbargemeinden, hinausgekommen? Da waren ein paar Kirmestage schon sehr bedeutsam, sie zeigten ein Stück der großen Welt. Kirmes wurde zum Zeitfaktor; man rechnete nach Tagen, gar Wochen vor oder nach diesem Heidener Volksfest. Ich will versuchen, 50 Jahre nach einer solchen Kirmes die Eindrücke und Erlebnisse eines Zehnjährigen nachzuvollziehen. Wie die meisten meiner Altersgenossen - das Geld war ja nicht so reichlich vorhanden wie heute -versuchte ich, mir etwas "Kirmesgeld" zu verdienen. Kleine Dienstleistungen für Eltern, Verwandte oder Nachbarn waren willkommen. Während einiger Jahre sammelte ich mit meinem Bruder auf abgeernteten Roggenfeldern Ähren, diese wurden von Töne Hendricks mit seinem "Dampdoschker" abgedroschen: er zeigte damit viel Verständnis für die Jugend. Ich erinnere mich, dass ich, ich glaube es war 1939, für 10 Mark Roggen an Kürtens Mühle verkaufen konnte. Leider durfte ich dieses Geld aber nicht alles auf der Kirmes ausgeben, meine Mutter kaufte bei Kipp-Kremer für uns Jungen neue Kniestrümpfe und ein neues "Blüüsken", da musste ein großer Teil des Geldes beigesteuert werden. Aber was sollte es, einige Onkel und Tanten kamen ja Kirmes zu Besuch, da gab es auch immer noch mal einen Fünfziger (50 Pfennige!).

Ab mittwochs vor Kirmes hatten wir Jungen es besonders "drock", kamen doch die ersten Kirmeswagen an. Es war höchst interessant, dem Aufbau der Kirmes zuzuschauen. Es konnte auch schon mal eine Freikarte abfallen, wenn man sich mal nützlich machen konnte. Bei der Familie Schlatjan (damals Bäckerei) hatte ich hierzu schon im Winter Gelegenheit gehabt. Die von Schlatjan gebackenen Lebkuchenherzen mussten in Stanniolpapier eingepackt, mit einem Papierherzchen, auf dem ein passender Spruch stand, verklebt und ein Faden zum Aufhängen musste durchgezogen werden: Arbeiten, die auch schon Kinder machen konnten. Ich erinnere mich, dass in Schlatjans Keller ein sehr großer Teigklumpen lag, von dem dann Herzchen in verschiedenen Größen gebacken wurden. Die fertigen wurden in große, grüne Holzkisten gepackt und auf dem Dachboden unter dem Heu aufbewahrt, aus welchem Grunde, habe ich nicht erfahren. Ich denke, es geschah wegen der Haltbarkeit. Neben diesen Lebkuchenherzen gab es in "Schlatjans Moppenbude" noch Honigkuchen, Alpenbrot, Plätzchen, Pfeffernüsse.

Die Attraktion dieser Bude war jedoch das gusseiserne Glücksrad. Für schon 5 Pfennige durfte man das Rad drehen, je nachdem, auf welcher Zahl es stehen blieb, konnte man mit einem Gewinn rechnen. Ich habe heute noch den Eindruck, dass es da manchmal nach Gutdünken ging. Übrigens wurde dieses Glücksrad in Heiden zum geflügelten Wort; für schon den kleinsten Gefallen, den jemand dem nächsten tat, hieß es: "Daor laot'k di Kärmis eenmaol väör draihn!" Ob diese Dankesversprechen immer eingelöst wurden, wage ich heute zu bezweifeln.

Ich möchte nun mal den Kirmesplatz schildern. Von der Größe und dem Standort ist er mit dem heutigen nicht zu vergleichen. Das ganze Geschehen spielte sich auf der Hauptstraße im Dorf ab. Das Karussell stand bei Wittenberg (heute Oenning) vor dem Haus, die Schiffschaukel bei Ebbings Pferdeställen längsseits, beide Unternehmen gehörten der Familie Reinoldi. Ich weiß nicht anders, als dass diese Familie jedes Jahr in Heiden aufbaute: der Sohn kümmerte sich um die Schiffschaukel, der alte Herr um das Karussell. Wir Jungen versuchten immer, während der Fahrt aufzuspringen. Herr Reinoldi unterband es mit einem Rohrstock, der manchmal ständig in Aktion sein musste. Der Herr Pastor ließ um die Mittagszeit alle Kinder umsonst fahren, das dauerte meist so 1 Stunde, da war der Andrang immer besonders groß. Vor Oennings Kreuz, heute die Straßenabzweigung nach Lembeck (noch zu sehen in "Das alte Heiden im Bild", Nr. 144, Seite 61) stand ein übergroßes Kasperle-Theater; der Bühnenausschnitt war ca. 2,50 x 1 ,00 m. Für uns Kinder war das eine preiswerte Unterhaltung: wenn nämlich die Kassiererin mit der Zigarrenkiste kam, konnten wir uns schnell verdrücken oder den Standort wechseln.

Die Schießbude wurde jahrelang von der Familie Holtwick aus Ramsdorf aufgebaut. Kirmesblumen und Papiersonnenschirmchen waren die Ziele, auf die geschossen werden konnte. Kirmesblumen fanden in Heiden vielfach einen Ehrenplatz zu Hause im "Mutter-Gottes- Schränkchen", welches in vielen Bauerndielen hing - ich nehme an, weil diese Blumen nicht welken konnten und weil es ja auch etwas Besonderes war; und das gehörte sicherlich zur Mutter Gottes oder dem Herzen Jesu. Frau Holtwick war übrigens in Heiden gut bekannt unter der Ehrenbezeichnung "Plodden-Liesken", weil sie während des Jahres auch Altwaren, Lumpen und dergleichen sammelte. Sie bezahlte dann mit Puddingtellern, Tassen, für Kinder Windrädchen oder "Rannepeters". Außerdem war natürlich eine Spielwarenbude aufgebaut. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob diese auch der Familie Holtwick gehörte, anzunehmen ist es aber:

Neben Schlatjans "Moppenbude" baute auch Familie Rotterdam aus Borken eine Gebäckwarenbude auf, diese Familie war auch in Heiden gut bekannt (freundlicherweise stellte uns Herr Heinz Rotterdam, Sohn des damaligen Inhabers, einige Aufnahmen zur Verfügung). Erinnern kann ich mich auch an einen Vorläufer der heutigen Spielautomaten: er stand bei Willing vor dem Hause, ein Lichtkasten, bei dem die vier Spielkartenasse abwechselnd aufblinkten. Hatte man seinen Groschen auf das As gesetzt, das zuletzt aufblinkte, so hatte man gewonnen.

Die Eisbude hatte Harmeling aus Borken, sie war ebenfalls ein großer Anziehungspunkt und für uns ein Groschengrab. Jägers machte auch schon Eis, hier machte ich mich für ein Eis schon mal nützlich, indem ich die Maschine drehte. Es war ein Kupferkessel, der sich durch einen mit Roheis und Viehsalz gefüllten Holzkübel drehen und so die Milchfüllung gefrieren ließ. Das war reine Handarbeit und anstrengend, sicherlich gut für die Lunge.

Eine Pommes- und Wurstbude habe ich nicht in Erinnerung; Pommes kamen ja erst in den fünfziger Jahren auf: Die Metzgerei Oenning hatte den Laden und das angrenzende Wohnzimmer in eine "Speisehalle" umfunktioniert, hier gab es Bratwurst und Kottelets, sicherlich auch während des Jahres nicht auf jedem Speiseplan zu finden.

Der Kirmesplatz reichte also von Oenning bis zum Maibökenplatz, damals groß genug, uns allen das so lange herbeigesehnte Vergnügen zu bereiten. Im Nachhinein kann ich mich erinnern, dass ich in diesen Jahren mit 3 -5 Mark auf der dreitägigen Kirmes sehr viel anstellen konnte. Das Schützenfest spielte bei uns Kindern eine untergeordnete Rolle, wir haben die Umzüge miterlebt, dabei die Uniformen und Federhüte der Offiziere und auch die Musik des Heidener Spielmannszuges und der Musikkapelle bewundert, am meisten Kaspar Meirick mit seiner Posaune: diese habe ich besonders imposant gefunden. Haften geblieben ist mir besonders gut, dass bei den Umzügen an einem Hause, in dem eine Leiche über Erden stand, die Musik verstummte. Kaspar Meirick wusste sicherlich von dem Verstorbenen in jenem Hause, die Familie hatte das aber auch durch das Anbringen eines schwarzen Trauerflores an der Türklinke deutlich gemacht.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die Vorbereitungen der Hausfrauen für die Festtage. Es war üblich, dass jede Familie Besuch von auswärts wohnenden Angehörigen bekam. Selbstverständlich, dass es immer besonders gutes Essen gab. Beeindruckt hat mich immer, dass meine Mutter und auch meine Großmutter bei Langenhoff eine "Plaate Kooken", halb Streuselkuchen, halb Apfel- oder Pflaumen"taate ", backen ließen. Selbstgebackenes Brot gab es sowieso: zu Hause wurde es geknetet und anschließend bei Schlatjan, Langenhoff oder Jägers oder Thresen (Becker) abgebacken. Man nannte diese Brote "Lohnstuten". Zu den Feiertagen, dazu gehörte zweifelsfrei die Kirmes, gab man auch schon mal eine Handvoll Rosinen in den Teig.

So eine Kirmes vor runden 50 Jahren ist mit einer heutigen sicher nicht zu vergleichen. Sie hat mich aber so beeindruckt, dass ich sie in Erinnerung habe, als wäre sie letztes Jahr gewesen. Wenn ich mit meinen Enkeln heute einen Kirmesplatz besuche, sehe ich ganz ungewollt die Kirmes in der Dorfstraße vor mir. Gerade durch die drangvolle Enge war sie so gemütlich und voller Atmosphäre. Schade, dass es heute nicht mehr möglich ist, das Schützenfest und die Kirmes im Dorfzentrum zu feiern.

Anmerkungen


(1) Staatsarchiv Münster (StAM), Fstm. Münster, LA 119 Nr. 7. Sämtliche folgenden Zitate nach dieser Quelle.
(2) StAM, WG 278.
(3) Ferdinand Steinmann: Chronik enthaltend die wichtigsten Begebenheiten und Ereignisse, welche besonders in der Bürgermeisterey Heiden vorgefallen (1801-1824), Ms. (masch. Kopie), S. 25 f.
(4) Letzter Nachweis: Heimatkalender des Landkreises Borken 6 (1930).
(5) Hermann Terhalle: Der GerichtsbezirkAhaus im Jahre 1807/08. In: Studien zur Sprache und Geschichte des Westmünderlandes ( = Beitr. d. Heimatver. Vreden z. Landes- und Volkskd., 8), Vreden 1977, S. 125-160, hier S. 152.
(6) Bistumsarchiv Münster, Pfarrarchiv Heiden, Fach 6 Nr. 2.
(7) StAM, Kreis Borken, Landratsamt, Nr. 66 (z. B. 1885 und 1899) (8) ebd. (9) ebd.
(10) Archiv Ludgerusschule Heiden: Chronik der katholischen Schule in Nordick, geschrieben im Frühling des Kriegsjahres 1917 von Heinrich Osthoff, Lehrer (Ms.), S. 23.
 

Quelle: Tradition und Gemeinschaft, 375 Jahre Schützenwesen in Heiden
Allgemeiner Bürgerschützenverein "St. Georgius" e.V. Heiden/Westfalen 1988

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