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St. Georgius

Heiden

 

Schützensilber

Diese "Gründungsplakette" nun gibt uns einige Rätsel auf. In der Festschrift zum 350jährigen Bestehen des Heidener Bürgerschützenvereins im Jahre 1963 hat Paul Faustmann versucht, die Plakette als gemeinsames Geschenk des Herzogs Johann Wilhelm von Jülich-Kleve-Berg und des Bischofs von Münster an die Heidener Schützen zu deuten. Die Bischofsgestalt hält er für den hl. Liudger. Diese Deutung ist nicht haltbar. Es ist zwar von einigen Schützengilden überliefert, dass ihnen Christoph Bernhard von Galen (Fürstbischof von 1652 bis 1678) das Schützensilber oder Teile davon zum Geschenk gemacht habe, so den Bocholter St. Antonius-Schützen, den Altrheder St. Johanni-Schützen, den Crommerter und den Burloer Schützen, doch wird das Kleinod in der Regel von einem wohlhabenden Schützenkönig, vom Grundherren (z.B. 1569 in Reken vom Grundherrn, dem Fürstbischof Bernhard von Hoya) oder einem seiner Beamten gestiftet worden sein, ganz sicher in der Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg.


Der älteste Schild des Heidener Schützensilbers
mit Armbrust und Vogel. Auf dem Schild die Figur
des hl. Kilian, links daneben die Initialen E. M. mit
Hausmarke und der Jahreszahl 1613, am unteren
Rand die Initialen W.I.B.

Nehmen wir also das Heidener Schützenkleinod etwas näher in Augenschein. Es besteht aus drei Teilen: dem Brustschild, einer angehängten Armbrust und einem Vogel, alle drei in Silber gearbeitet. Es ist nicht erwiesen, daß sie gleich alt sind - Armbrust und Vogel sind meines Erachtens älter als der Schild, doch tragen sie keinerlei Gravur, die einen Anhaltspunkt bieten könnte. Der Schild (ca. 6,7 x 5,5 cm) trägt in seiner Mitte die vergoldete figürliche Darstellung eines Bischofs, vermutlich des Heidener Kirchenpatrons St. Kilian, der in der Regel in dieser Art abgebildet wird. Gegen den hl. Liudger spricht nicht nur, daß er meist mit Gänsen dargestellt wird, sondern auch, daß er zu Heiden keine nähere Beziehung hat. Der hl. Kilian dagegen war der ursprüngliche Heidener Kirchenpatron, der erst später von dem Nebenpatron St. Georg verdrängt wurde: im Visitationsprotokoll von 1616 wird er neben Kilian genannt und immerhin wird bereits für das Jahr 1536 ein St. Jöryens-Altar (St. Georgsaltar) in der Heidener Kirche ervvähnt. Aber noch im Jahre 1730 wird eine Glocke gegossen, die dem hl. Kilian geweiht ist: "Mit meinem Schall / St. Kilian gefall / ergetze all." 

Die Figur des hl. Kilian ist umgeben von einer eingravierten Girlande, und diese wiederum von Blattornamenten. Innerhalb der Girlande befindet sich neben der Bischofsfigur eine Hausmarke mit den Initialen EM. Die Hausmarke ("dat Merk") war eine Art Wappen, diente oft als Unterschriftersatz für Schreibunkundige und ist fast immer eine abgewandelte Form der sogenannten "Wolfsangel", die in diesem Beispiel noch recht gut zu erkennen ist. Leider sind keine Heidener Hausmarken aus dieser Zeit überliefert, so dass die Person des Schützenkönigs mit den Anfangsbuchstaben E. M. nicht zu identifizieren ist. Wenn wir aber davon ausgehen, dass in der Regel nur die Inhaber der größeren Höfe, Beamte oder wohlhabende Gastwirte als Schützenkönig in Frage kamen, dann liegt es nahe, an Abkömmlinge der Höfe Meirick (heute Freibadgelände) oder de Mey (heute die Höfe Upgang-Sicking und Krebber-Osterkamp) zu denken, da keine andere Familie im Dorf oder in der Dorfbauerschaft mit dem Anfangsbuchstaben M überliefert ist (Nordicker und Leblicher Familien scheiden aus). In einem Schatzungsregister des Jahres 1578 wird beispielsweise ein Everth Meiericks erwähnt, ein Beweis immerhin, daß der Vorname Evert (Eberhard) in der Familie Meirick erblich war. Ein Evert Meirick könnte also im Jahre 1613 Schützenkönig im Dorf Heiden gewesen sein. 

Zwischen den äußeren Blattornamenten finden sich die Initialen WIB. Nun gibt es in der Heidener Dorfbauerschaft eine ganze Reihe von Hofnamen, die mit B beginnen: Schulte Brüninghoff (heute Roß), Brökerhoff (heute Wienen), Brösterhaus, Busch-lmping (heute Hellenkamp), Brinkhaus, so dass wir uns hier nicht weiter festlegen können. Es ist bisher noch nicht gelungen, die Vornamenkombination WI, beispielsweise Wilhelm Johann oder Wessel Ignaz, mit einem entsprechenden Familiennamen in Beziehung zu setzen. Der Doppelvorname gibt uns aber ein weiteres Problem auf. Doppelvornamen kommen in unserer Gegend erst Ende des 17. Jahrhunderts vor, sie sind eher typisch für das 18. Jahrhundert. Außerdem: warum sind gleich zwei Personen auf dem Schild verewigt? Hinzu kommt folgendes: Die Bischofsfigur gehört mit ihren barocken Formen stilistisch eher ins 18. als ins frühe 17. Jahrhundert. Da die Initialen W.I.B. außerdem wohl nachträglich eingraviert wurden (das W ist recht eng zwischen die Blumenornamente gesetzt worden), wäre es denkbar, daß die Bischofsfigur im 18. Jahrhundert nach dem Verlust der ursprünglichen Figur (sie ist nur aufgelötet) von einem gewissen W.I.B. erneuert wurde. Wie wir sehen, bleiben bei der Deutung des Brustschildes erhebliche Ungewißheiten. Fest steht aber, daß es mindestens seit dem Jahre 1613 eine Schützentradition gibt.

Quelle: Tradition und Gemeinschaft, 375 Jahre Schützenwesen in Heiden
Allgemeiner Bürgerschützenverein "St. Georgius" e.V. Heiden/Westfalen 1988

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